Berichte aus Berlin 2011

Früchte Sozialer Bewegungen

Elisabeth Meyer-Renschhausen

Vor drei Monaten, genau am 16. April begannen wir in Berlin ein neues Gemeinschaft-Garten-Projekt auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof names "Allmende-Kontor". Ziel ist es, perspektivisch vermehrt innerstädtische Brachen für eine gemeinsame "urbane Ackerei" zur Verfügung gestellt zu bekommen. Zumal dann, wenn es sich um Fläche handelt, die der Kommune oder dem Land gehören: "Reclaim the Commons!", ("Fordern wir die Allmenden zurück", "Krempeln wir die Ärmel auf!") als Basis einer Selbsthilfelandwirtschaft in "prekär-erwerbslosen" Zeiten. Dafür wollen wir perspektivisch eine Vernetzungs-Stelle einrichten, die neuen Gemeinschaftsgärten zum Leben verhilft und den älteren "Interkulturellen Gärten" und anderen Nachbarschaftsgärten beim Überleben und Gelder einwerben hilft. Deswegen heißen wir also "Allmende-Kontor". Mehr unter Allmende-Kontor. Wir sind etwa 13 Feen, also Organisatoren, größtenteils weiblich, manche aber auch männlichen Geschlechts, die mittlerweilen auf dem Tempelhofer Feld mit über 400 MitgärtnerInnen zusammenarbeitet. Jeden Samstag ist Hauptarbeitseinsatztag, wir haben neue Erde und neues Recylingholz besorgt und es kommen neue Menschen, die mit uns mitgärtnern wollen.

 Vorletzten Samstag war es wieder so ein bewegter Gemeinschaftsgärtnerei-Samstag. Bereits um ein Uhr Mittag waren wir mit vielen aus unserer Allmende-Kontor-Gruppe auf dem Flughafen-Feld und trotzdem keine Minute alleine. Radio 88,8 kam für ein 3-Minuten-Interview, einem der Gärtner gelang es mit seinem Handy online mitzuhören, die letzten Sekunden ließ er mich mithören, wow. Bald danach strömten die Menschenmengen, Fahrradtouristen aus ganz Berlin wollten gucken, wie das Gärtnern auf dem Tempelhofer Feld so aussieht. Immer wieder hingen Menschentrauben an unserem Allmende-Facts-Plakat am rosa Kinder-Häuschen. Und immer wieder führten Michael und Muzaffer uns, Menschen zu, denen wir das Projekt erklären sollten. Später versuchten wir, die vielen Neuen in unserem netten kleinen Sitzrondell mit den Bänken an Severins Sommerblumenbeet ein wenig zu "poolen", ununterbrochen notierten wir neue Namen und Emailadressen…

 Wie schon an früheren Samstagen kamen mehrere junge Menschen mit migrantischem Hintergrund und brachten ihre Eltern mit, die bei uns am besten mitmachen sollten. Dank dem Artikel in der BZ wussten diese jungen Menschen betagterer Eltern nun, daß es zumindest einen unter uns gäbe, der auch türkisch kann und das führte – glaube ich - dazu, dass zumindest zwei der Eltern auch diesmal trotz Schüchternheit blieben und mitmachten, ich sah sie noch um fünf Uhr zwischen den Beeten hin und her gehen.

 Ich lernte u.a. eine gelernte Gärtnerin aus dem Kiez kennen, die auch mitmachen möchte, wenn auch nichts zimmern will. Wir stahlen uns klammheimlich aus dem Sitzrondell davon und es gelang uns, einige alte Bäckerkisten mit Erde zu füllen, denn manches kann man jetzt noch gut säen, zumal alles für das nächste Jahr wie Ackerei oder Stockrosen. Ich bin begeistert, daß wir noch eine gelernte Gärtnerin dabei haben und wir konnten zusammen gleich mehrere Fragen von "Neuen" klären, z.B. Klar, die Leute können jetzt noch säen, manches Kraut braucht ja nur 2 Monate: Radieschen, Buschbohnen, Salat und vieles mehr. Klar, kann man die wilde Melde aus den Beeten als Unkraut auf den Kompost tun, aber auch essen und natürlich ist sie eng verwandt mit dem "Spinatbaum", einer Gartenmelde. Und klar sind Calendula und Steinkraut, Ackerei, Borretsch etc. besonders gut auszusäen, weil sie sich von allein weiter verbreiten werden.

 Einer von uns schaffte mittels einem schwergängigen Lastenfahrrad mit ziemlich rotem Kopf (es war gut warm) unermüdlich neue Paletten heran, denn die meisten jungen Leute möchten bauen, bauen, bauen. Auch die neuste junge Mutter mit einem kleinen Baby auf dem Rücken, wollte sich nicht darauf einlassen, einfach eine Bäckerkiste mit Erde zu füllen... 

 Das rosa Kinder-Häuschen ist leider von den wilden Kinderhorden halb auseinander genommen, ein dicker Nagel an der Ostseite wäre gut, wir kamen leider nicht dazu. Und eine der Mütterchen in schwarz, die oft einsam zwischen den Kisten herumstreift oder auch sitzt, und ziemlich sicher zu den Leuten aus dem Kosovo gehört, zeigte uns einen kaputten Kürbis. Der hing vordem fürwitzig aus dem Beet und hatte die Kinder wohl zum damit Fußballspielen angeregt. (Wenn man Übersetzer hätte könnte man wahrscheinlich auch dieses Mütterchen mit einem Beet erfreuen, so traut sie sich wahrscheinlich nicht, oder ihr einfach eine mit Erde gefüllte Bäckerkiste hinstellen.) Gärtner M. flitzte zwischen den neuen Gruppen hin und her, notierte die Namen und vergab neue Beetnummern, wir sind bei 150 schon, verkündete er bereits gegen vier stolz. Ich bin verblüfft wie viele Bettrahmen die Leute so übrig haben, um sie in Beete zu verwandeln, oder schlafen sie nun alle wieder auf dem Boden? Als ich gegen sechs ging, waren immer noch bald 60 Leute oder auch mehr am zimmern und hämmern… Auch in den drei benachbarten Garten-Projekten waren viele Leute aktiv und am feiern.

Herzliche Grüße aus Berlin Elisabeth Meyer-Renschhausen am 26. und 17.07.2011

(Abdruck nur nach schriftlicher Genehmigung seitens der Verfasserin oder des Vereins WLOE e.V.)