Ellen Diederich

Ellen Diederich ist Koordinatorin des Internationalen FrauenFriedensarchiv Fasia Jansen e.V. in Oberhausen


Ellen Diederich - IFFA

„Die Würde des Menschen steht unter Finanzierungsvorbehalt“

von Ellen Diederich

Warum ich an einem Hungerstreik teilnehmen werde
Für Peter Grottian mit Dank für deine Unermüdlichkeit

 Ich bin Lang-Zeit erwerbslos.
Tag für Tag, Nacht für Nacht, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr.
Die Stiftung, mit der ich viele Jahre zusammen gearbeitet habe, ist Pleite gegangen.
Ich bin „zu alt“ für den Arbeitsmarkt, und habe viel zu viel subversive politische Arbeit gemacht, um eine bezahlte Arbeit zu finden.
Ich bin erwerbslos, nicht arbeitslos, darauf bestehe ich.
„Die wollen doch gar nicht arbeiten!“
„Arbeit. Ich arbeite immer, nie arbeite ich nicht. Ein anderes Wort für Leben.“
Anja Meulenbelt in: Die Scham ist vorbei

Arbeiten tue ich mehr als genug. Lese, schreibe an gegen die Vernichtung des Sozialen, Rede bei Veranstaltungen und Kundgebungen, organisiere Aktionen gegen Krieg, Globalisierung und Gewalt, die Frauen angetan wird.

Ich entwickle Programme für Kinder, die arm sind, die Schwierigkeiten mit der Schule haben, Flüchtlingskinder, ihre Eltern geflohen aus unerträglichen Lebensverhältnissen, vor großer Armut und Gewalt, vor Krieg, vor Bombardements und Vergewaltigung in ihren Heimatländern. Sie kommen aus Bosnien und dem Kosovo, aus dem Libanon und Palästina, aus der Türkei und Albanien, aus Syrien, Ägypten und aus Deutschland. Ich spiele mit Kindern in der Grundschule hier in meiner Straße, eine Grundschule, in der 80% der Kinder keine deutschen Wurzeln haben. Ich versuche, sie zu unterstützen, sich ein Stück Kindheit zurück zu erobern, ihnen dabei zu helfen, ein Bewusstsein über ihre und andere Kulturen, die Schönheiten und Andersartigkeiten herauszufinden, sie als gleichwertig zu sehen. Um dann zu schauen, was wir hier zusammen machen können. Viele der Kinder haben Eltern, die Hartz IV Abhängige sind, können sich in der Ganztagsschule das Mittagessen nicht leisten. Es ist ganz leicht, herauszufinden, was die Kinder brauchen: Unendlich viel Liebe und Zuwendung.

Wir erfinden Spiele ohne Wettbewerb, Spiele, in der die Kinder und wir Freundlichkeit und solidarisches Handeln lernen können. Z.B. „Der/die unsichtbare FreundIn“. Jede® in der Gruppe zieht den Namen eines anderen Kindes oder von uns Erwachsenen. Keine® verrät, welchen Namen er oder sie gezogen hat. Vier Wochen lang sind wir besonders freundlich und liebenswürdig zu unserem/r unbekannten FreundIn. Die anderen versuchen, herauszufinden, wer unser(e) FreundIn ist. Es ist spannend, zu sehen, wie die

Kinder sich bemühen, freundlich zu sein, auch Jungen mit Mädchen untereinander, bei denen es sonst meistens nur heißt: Och, die Mädchen oder Igitt, die Jungen.

Die „Reise nach Jerusalem“ haben wir abgeändert. Kein Kind scheidet aus, nur die Stühle. In jeder Runde gibt es einen Stuhl weniger, aber die Kinder teilen sich die verbliebenen Stühle, helfen sich gegenseitig, dass alle auf den Stühlen Platz haben. 16 Kinder haben geschafft, dass sie sich vier Stühle geteilt, die Gruppe sich insgesamt gegenseitig geholfen hat. Das war mit viel Gelächter verbunden. Bei uns heißt es: Die Reise nach Babylon.

Alle Regeln in der Gruppe werden gemeinsam entschieden. Nur eine Regel ist vorgegeben und unumstößlich: Keine Gewalt! Wir haben zwei Dreiecksschilder mit rotem Rand gemalt wie im Straßenverkehr: Halt. Quer über das Schild haben wir geschrieben: Keine Gewalt! Jedes Mal übernehmen zwei Kinder die verantwortungsvolle Aufgabe, darauf zu achten, dass keine Gewalt entsteht. Zeigt sich etwas im Ansatz, halten sie das Schild zwischen die Streitenden. Natürlich können wir auch streiten, aber eben: Ohne Gewalt. Das gilt auch für die Erwachsenen, sollten sie anfangen zu schreien. Es ist sehr spannend, zu sehen, dass eine solche Regel bereits nach vier Wochen zum festen Bestandteil unserer Gruppe wird.

Ich arbeite. Fotografiere den Verfall und den Tanz um das goldene Kalb in der Stadt, in der ich lebe. Hier, in Oberhausen ist die Erwerbslosigkeit wie überall im Ruhrgebiet sehr hoch. Die Folgen der Globalisierung sind deutlich zu spüren. Die Armut ist sichtbar. Die alte Stadt stirbt. Gleichzeitig haben wir das größte Einkaufszentrum Europas hier, in das Tag für Tag viele Tausend Menschen strömen. Der Konsumtempel scheint nicht glücklich zu machen, die Gesichter jedenfalls sehen nicht besonders froh aus. Das Centro wird als großer Fortschritt gepriesen.

„Wir leben im Eispalast des Fortschritts!“ sagt Eugen Drewermann bei einem spannenden Gespräch im Schweizer Fernsehen über sein neues Buch: „Atem des Lebens – Die moderne Neurologie und die Frage nach Gott, Teil 1: Das Gehirn.“

Und Roger Willemsen, dieser kluge, scharfe, sanfte Beobachter von Alltagsleben und gesellschaftlichen Zuständen sagt: „Kein Fortschritt. Das wäre doch mal einer!“


Ich bin Sammlerin.

Sammle Zeugnisse über die Anpassung der Medien und der Werbung an die Verarmung. „Essen sie sich reich! Hier sind die Brötchen einen Cent billiger“, wirbt eine Bäckerkette. „Wenn die Menschen kein Brot haben, sollen sie doch Burger essen – Deutschland braucht einen König!“ wirbt Burger King in Anlehnung an den berühmten Satz von Marie Antoinette, als sie den Hungermarsch auf Versailles ankommen sieht.

Seit 48 Jahren bin ich Friedensarbeiterin, bin in viele Teile der Erde, in Atomtestgebiete und in Länder gegangen, in denen Krieg ist. Um Solidarität zu zeigen, um auf Folterpraktiken aufmerksam zu machen, um Widerstand zu unterstützen. Habe Aktionen mit organisiert. Friedensmärsche und Blockadeaktionen vor Atomwaffenlagern, internationale Treffen wie die Weltfrauenkonferenzen, Radioprojekte, Versuche, ökologisch zu wirtschaften unterstützt und vieles mehr.

Ich mache Ausstellungen über die Verbrechen des Krieges und der Globalisierung, über Widerstand. Die letzte ist für Jugendliche: „Zuckerlimonade und Frankensteinnahrung“ über die Globalisierung und ihre Folgen am Beispiel von Coca Cola und Mc Donald’s.


Die Sammlerin.

In 15 Jahren habe ich ein Friedensarchiv aufgebaut, sammle Zeugnisse über subversiven Widerstand, Widerständigkeit, von Verbrechen gegen die Menschlichkeit, vor allem auch von Hoffnungsmomenten. Ich sitze bis spät in die Nacht und lese, schneide aus, klebe ein. In 600 Ordnern werden Dokumente gesammelt, unendlich viele Reden, Flugblätter, Artikel sind im Computer gespeichert, Fotos, Filme und Kunst zusammengetragen. Ich sichte, suche aus den Fernsehangeboten die Beiträge heraus, von denen ich hoffe, dass sie sich der Wahrheit verpflichtet fühlen. Der Wahrheit über Krieg, über Erwerbslosigkeit, über Kinderarmut, über Gewaltverhältnisse. Es gibt sie, diese Berichte, wenn auch die Berichterstattung wie z.B. bei Monitor ständig beschnitten wird.

„Die Wahrheit braucht immer einen Mutigen, der sie ausspricht! Bild dir deine Meinung – Bild Zeitung“ wirbt die Zeitung mit den 4 Buchstaben. Als Menschen, die die Wahrheit aussprachen, nimmt sie unsere Vorbilder: Mahatma Gandhi, Martin Luther King, die mit ihrem Leben für das Aussprechen der Wahrheit bezahlt haben, Albert Einstein, Sigmund Freud. Die Zeitung, die die Wahrheit wie keine andere verachtet, bedient sich der pazifistischen Denker und Akteure, um für ihre widerlichen Lügen zu werben.

Die „anerkannten VerkünderInnen der Wahrheit“ kann ich nicht ertragen, in Pleitgens Presseclub oder in „meinen Sonntagen mit Sabine Christiansen“, (Walter von Rossum), die Schwatzrunden der so genannten ExpertInnen, die immer unverschämter die Verbrechen des Systems, die Verarmung und den Ausschluss von Millionen Menschen rechfertigen oder zynisch kommentieren. Ich sammle Dokumente über gewichtig dreinblickende Menschen in Talkrunden, JournalistInnen, die vorgeben, zu wissen, worüber sie da reden. Der Gesichtsausdruck der jungen Fernsehansagerin, die immer gleich lächelnd die grauenvollsten Berichte verliest, führt dazu, dass ich sofort abschalte. Zeigen von Mit-Gefühl ist nicht „objektiv“, ist ausgetrieben worden. Was für eine informative Zeitung war die Frankfurter Rundschau mal! Was ist aus dieser Zeitung geworden?


Es gibt Ausnahmen. Peter Grottian, Politikprofessor an der FU und Harald Thomé, Sprecher von Tacheles sind solche Ausnahmen. Die nicht abhauen, wenn es ernst wird. Sie geben nicht auf, engagieren sich unermüdlich mit uns. Sie werden ab und zu noch zu Talk Runden eingeladen, kommen aber immer weniger zu Wort.


Auch die sind unerträglich, die meinen, sie tun etwas Gutes, wenn sie für die „Vertafelung der Gesellschaft“ arbeiten. Alleine in meiner Stadt mit etwas über 200.000 EinwohnerInnen gibt es 11 Ausgabestellen der Tafel. Ich weiß, dass sie überlebensnotwendig für viele Menschen geworden sind. Aber sie sind keine Lösung. Wir tappen in die Wohltätigkeitsfalle. Haben die Kinder keine Bücher zum Schulanfang? Dann beginnen wir eben zu sammeln, Ver.di, die Kirchen und andere. Und meinen es gut.

„Ich bekomme mehr zurück, als ich gebe“, sagt Frau Christiansen, wenn sie von ihren

Unicef Touren zurückkommt. Wohl war. Ach, diese großen traurigen Kinderaugen, die so dankbar sind für die Krumen. Unicef ist zum Ablass der Gesellschaft mutiert. Die Perversion der Spendengalaveranstaltungen, wo die Reichen zu ihrer Erbauung zusammenkommen um „Gutes“ zu tun, ist kaum zu toppen.

Die Armen sind dazu geschaffen, dass ihr mildtätig bleibt?

Die Darstellung der Verschwendung der Reichen ist fast so pervers wie der Fakt selber. Eine Frau wie Paris Hilton, diese verzerrte Karikatur des Mensch Seins, wird zur Ikone und weltweiten Autoritätsfigur hochstilisiert. Berichte über Königshäuser, deren Reichtum durch Kolonialismus, Raub und Morden zusammenkam, haben Hochkonjunktur.


Wir, die reichen Länder, werfen alle drei Tage eine Hiroshima Bombe. Alle drei Tage verhungern so viele Kinder, wie Menschen beim Abwurf der Atombombe auf Hiroshima gestorben sind. „Die haben Angst, dass ihre Kinder verhungern und wir haben Angst, dass unser Deo versagt“, sagt mein Lieblings-Kabarettist Hagen Rether. Ich sehe die Wohlstandskrüppel mit den aufgespritzten Lippen, die glatt gebügelten unbeweglichen Gesichter, mit Plastik aufgefüllte Brüste, verhungernde Models, Fußballmillionäre, die selber nicht wissen, wie ihnen geschieht, die Euphorie in schwarz-rot-gold, wo dann ohne viel öffentliche Aufmerksamkeit in der Zeit mal eben Gesetze durchgebracht werden, die die Rechte von Millionen Menschen weiter beschneiden.


Die Sammlerin.

Ich sammle Zeugnisse über die Helfershelfer der Kosmokraten, die PolitikerInnen in den Parlamenten. „Der Bundestag, das ist der Friedhof der Alphatiere, ein SOS -Erwachsenendorf, ich möchte immer spenden, wenn ich die sehe!“ Sagt Hagen Rether in seinem Programm „Liebe“.

Ich sammle Zeugnisse über die Bürokraten in den Verwaltungen, über die Herren des Morgengrauens, die Flüchtlinge bei Nacht und Nebel aus ihren ärmlichen Behausungen heraus holen, sie verfrachten, als Frachtgut zurückschicken. Die arrogant in Amtsstuben sitzen und die Menschen verwalten, die aus dem System herausfallen, weil ihre Firma Pleite macht, verkauft worden ist. In Großbritannien sollen an die 40.000 Stellen in der Arbeitsverwaltung gestrichen, ihre Arbeit soll per Computer im Billiglohnland Indien erledigt werden. Also auch die, die sich davor gefeit glauben, sind bedroht, sie nehmen es nur noch nicht wahr. Das Angebot der Erwerbsloseninitiative in Oberhausen an die MitarbeiterInnen der Arbeitsagentur, mit ihnen zusammen außerhalb des Arbeitsamtes zu diskutieren, damit wir uns nicht immer nur vor und hinter der Barriere treffen, ist von ihrer Seite nicht wahrgenommen worden. Andere Bürokraten, PolitikerInnen und Beamte verteilen Steuergelder, Sozialhilfe in Milliardenhöhe an Konzerne, die dann kurze Zeit später die Betriebe dicht machen.

Ich bin immer fremder in dieser Welt, verstehe diese Gesellschaft nicht. Worüber wird geredet? Neue Automodelle, Häuser, Handys, Konsum, exquisite Gerichte kochen? Nicht zufällig stehen Koch- und als Ergänzung dazu Abnehmbücher monatelang an der Spitze der Bestsellerlisten des Sterns. Manchmal kaufe ich mit schlechtem Gewissen den Stern, weil ich ihn mir eigentlich nicht leisten kann. Einfach, um zu wissen, wie wird ein großer Teil der Bevölkerung informiert, aber auch wegen der guten Fotos. Die Hochglanzwerbungen sind wie Nachrichten von einem anderen Planeten.

Das ist nicht die Welt, in der ich leben möchte. Zum Glück gibt es andere Teile.


Am liebsten berichte ich über Hoffnung und HoffnungsträgerInnen. Ich will wissen, wo gibt es Lichtblicke, was geschieht bereits und wo?

Schreibe über die Friedensnobelpreisträgerinnen, über AkteurInnen für den Frieden, über Friedensaktionen in Palästina und Israel, über Menschen, die das seit vielen Generationen entwickelte Saatgut sammeln, bewahren, sich gegen die Patentierung von Lebensmitteln wehren, die gegen die Gentechnik angehen, über Menschen, die Felder mit genmanipuliertem Saatgut anzünden und dafür Gefängnis in Kauf nehmen, die Mc Donald’s Filialen demontieren, die durchsetzen, dass im Knast Obst und Gemüse angebaut werden kann, so dass die Gefangenen einen Bezug zum Lebendigen haben können, die Rückfallquote in diesem Knast (Kalifornien) ist um 70 – 80% geringer als üblich. Über Frauen, denen es in zehn Jahren gelang, den Hunger aus ihrer Stadt Belo Horizonte in Brasilien zu vertreiben, freue mich über die Auszeichnung der Grundschule Kleine Kielstraße in Dortmund als „Beste Schule Deutschlands“. Ein gutes Konzept. (Stern 51/2006)

Mit großer Aufmerksamkeit sehe ich das, was sich in Lateinamerika in vielen Teilen entwickelt. Eine Welle des Aufstandes und Regierungswechsel haben große Teile des Subkontinents erreicht. Eine Initialzündung war das Ya basta! – Es reicht! der Zapatisten am 1. Januar 1994. Ich habe die Bewegung der Zapatisten 1997 in Chiapas kennen gelernt, war dort als Beobachterin für die Angriffe des mexikanischen Militärs gegen die befreiten Dörfer. Dort habe ich habe viel über direkte Demokratie gelernt.

Ich sammle. Eben auch Berichte über Versuche von Menschen, die nicht einverstanden sind mit den Entwicklungen und sich subversiv, mutig, spöttisch gegen die „Kosmokraten, die Herrscher des Imperiums der Schande“ (Jean Ziegler), gegen die „transkontinentalen Feudalherren, die planetarische Macht ausüben“, (Konstantin Wecker) zur Wehr setzen.


Es sind Menschen wie José Bové, Giugliana Sgrena, Vandana Shiva, Arundhati Roy, Noam Chomsky, Wangari Maathai, Shirin Ebadi, Naomi Klein, Maria Mies, Mikis Theodorakis, Pete Seeger, Angela Davis, Eduardo Galeano, Uri Avnery und andere, die mir die liebsten sind. Menschen, die weit entfernt von jeder Macht und doch eigen-mächtig sind.

Deren Stimme trotz aller Versuche, sie auszuschalten, zu hören ist.


Ist es Arbeit, was ich da tue? Ja, das ist Schwerstarbeit, weil sie die Beschäftigung
über das, was Menschen Menschen antun können, beinhaltet.


Arbeitslos? Nein, ich bin erwerbslos, nicht arbeitslos.

Arbeitslos sind die „Anderen“. Die sich langweilen, die die Gerichts- oder Talkshows in den Privatsendern schauen. Die keine Zeitung mehr lesen, das Saufen anfangen. In diesen Talk- und Gerichtsshows, in so genannten „ExpertInnendebatten“, auch in den öffentlich rechtlichen Medien wird Stimmung gegen die Erwerbslosen, kaum gegen die Erwerbslosigkeit gemacht. Mit Unterstützung von PolitikerInnen und devoten Medien wird ein widerlicher Generalverdacht gegen Erwerbslose lanciert. Die Menschen hören so viel über die betrügerischen Absichten, die Abzockerei der Arbeitslosen, dass sie nach und nach ihre eigene Misere als selbst verschuldet empfinden.

Die „Anderen“, das sind die mit den grauen Gesichtern, die in der Schlange im Arbeitsamt vor und hinter mir stehen. Wo ich verzweifelt überlege, was ich da tun kann? Musik mitbringen? Tango tanzen? Clownin spielen, um die stundenlange Wartezeit zu verkürzen? Aus dem Leitfaden zum SGB II vorlesen (danke für die Erarbeitung an Harald Thomé, Roland Roth und die anderen), damit die Menschen über ihre Rechte informiert werden? Es ist der Ort, wo es keine Garderobenhaken gibt, man also im Winter in dicken Klamotten herumsteht, wo eine Stimme den Nachnamen ohne Herr oder Frau aufruft. Was sie dann, nachdem ich sehr vernehmlich protestiert habe, nicht mehr tut.


Ich eine von denen? Ich doch nicht. Ich falle doch nicht in dieses Loch.
Ich habe mich doch noch niemals gelangweilt.
Ich analysiere.

Das kann ich ja. Alles analysieren. Ich weiß ja Bescheid. Warum das so ist und wie mit der Globalisierung, wie es kommt, dass täglich mehr Menschen keine bezahlte Arbeit mehr haben. „Wenn man das weltweite Arbeitsvermögen betrachtet, so sind in den nächsten zehn Jahren etwa die Hälfte der Menschen überflüssige Menschen, die auf die eine oder andere Weise von diesem Planeten verschwinden müssen“, sagt die Ökonomin Susan George, eine der Gründerinnen von attac bei einem Vortrag in Stockholm. Der Satz trifft mich wie ein Blitzschlag. Genau das geschieht ja längst. Durch die Verweigerung von Nahrungsmitteln, sauberem Wasser, bezahlbaren Medikamenten, durch Krieg um Ressourcen, die die Lebensmöglichkeiten unvorstellbar reduzieren, durch die Deponierung von Landminen und Streubomben und weiteren Grausamkeiten. Durch Arbeitslosigkeit, die Lebenserwartung von Langzeitarbeitslosen liegen inzwischen um 7 Jahre unter der allgemeinen Lebenserwartung, sagt eine Studie der Humboldtuniversität. Ich analysiere weiter. Wie die Welthandelsorganisation arbeitet, welche Funktion die Weltbank und der Internationale Währungsfond haben, was eine Freihandelszone ist, wie die verschiedenen Formen der Sklaverei heute aussehen, wie viele Kinder täglich an Hunger, Mangel an Medikamenten und unsauberem Wasser sterben, was das UNO Embargo für den Irak bedeutet hat, wie viel die etwa 30 Kriege, die zur Zeit wüten, der im Irak, in Afghanistan, in Palästina, in vielen Teilen Afrikas täglich kosten, wie wenig im Unterschied für den Wiederaufbau vorhanden ist, dass jeder Mensch in Deutschland täglich 1.80 Euro für die Bundeswehr ausgibt, was die Planungen der 3.000 Staudämme in Indien für 50 Millionen Menschen, die aus ihren Dörfern vertrieben werden sollen, bedeutet, was die Gentechnologie ist, wie die Medien manipulieren, was alles an öffentlichem Eigentum verscherbelt wird, wie hoch die Auslandsschulden der Länder Lateinamerikas, Afrikas und Asiens sind, dass inzwischen 2% unserer Bevölkerung über die Hälfte des Vermögens besitzen. Ich kann alles ableiten. Leiten wohin?

Die Wellen von Angst, die durch den Körper gehen, vor der Bedrohung, die Wohnung zu verlieren und davor, von der Teilhabe am sozialen, kulturellen Leben ausgeschlossen zu sein, sind durch noch so viel Reflexion nicht wegzubringen.

„Freiheit, Wecker, Freiheit, das heißt keine Angst haben vor nix und niemand“,
sagt der Willy im Lied von Konstantin Wecker.

„Wir sind alle Opfer der Angst. Sie ist ein großes Gefängnis und wir sind ihre Gefangenen. Die Mächtigen haben eine Angstmaschine geschaffen, die uns lähmen soll. Damit wir nicht handeln, damit wir klein gehalten werden durch eine grundsätzliche Angst vor dem Leben. …

Als der große Bergarbeiterstreik in Bolivien war, diskutierten wir endlos, hitzig. Die Frauen der Bergarbeiter waren tapfere Posten des Widerstandes. Eine der Frauen stand auf und fragte: Wer ist unser Hauptfeind? Die Bourgeoisie? Der Kapitalismus? Der Staat, besetzt durch fremde Mächte? Die Gewerkschaften? Ich will es Euch sagen:

Unser Hauptfeind ist die Angst!“ Eduardo Galeano

„Angst essen Seele auf.“ Rainer Werner Fassbinder

Wer? Ich? Ich doch nicht.

Ich bin ja aufgehoben. In der Linken, der Frauenbewegung, der Gewerkschaft. Ich treffe mich doch mit denen, die Bescheid wissen, die auf ihre Fahnen geschrieben haben, dass sie sich nicht mit den Plänen der Herrschenden abfinden. Hier, wo die Erwartungen an solidarisches Handeln am größten sind, sind die Enttäuschungen am gewaltigsten.

Das Arbeitsamt informiert mich: Ich müsse meine Lebensversicherung verkaufen und zunächst mal davon leben. Ich bin seit 47 Jahren Gewerkschaftsmitglied, war Stipendiatin der gewerkschaftseigenen Hans-Böckler-Stiftung. Jetzt möchte ich mir Rat bei der DGB Rechtsberatung holen. „Ja, wenn jetzt die Arbeitslosen auch noch mit ihren Problemen kommen, wir haben schon genug anderes zu tun“, sagt der Rechtssekretär beim DGB. Er gibt mir eine falsche Rechtsauskunft, die für mich gravierende Folgen hat.


Ich sage bei Veranstaltungen, dass ich erwerbslos bin. „Du machst eine gute Arbeit, kannst schreiben, wir müssen mal sehen, dass wir dir Arbeit geben können“, sagt ein sehr freundlicher Mensch mit guten Intentionen zu mir. Ich lächle in mich hinein, weiß inzwischen, was ich von solchen Bekundungen halten kann.

Ich bitte FreundInnen aus Hochschule und Gewerkschaft, mit zu überlegen, wie das Friedensarchiv und die Arbeit gerettet werden können. Ich bekomme nicht mal eine Antwort.

Mein Freund Jakob Moneta ist da konsequent anders. Er ermöglicht mir über die Stiftung, nach Palästina zu fahren, um zu berichten und die Ausstellung über Coca Cola und Mc Donald’s fertig machen zu können.

Andere FreundInnen unterstützen das Archiv mit Monatsbeiträgen, leider sind es zu wenige.

Helga und Albrecht, meine FreundInnen in Heilbronn laden mich öfter zu Veranstaltungen oder auch so in diese zauberhafte Gegend ein. Wo ich mich ein paar Tage fallen lassen, die Schönheit der Region genießen kann.

Zennure, meine kurdische Freundin, lädt mich in die Türkei ein. 12 Tage Sommer und Meer.

Anke lädt mich zum Kabarett mit Hagen Rether ein. Ich erschrecke, als sie mich in der Pause fragt, ob ich auch etwas zu trinken möchte. Ein Wasser kostet hier 3 €. Ich bin durstig, will aber nicht, dass sie bezahlt. Meistens nehme ich eine Mineralwasserflasche mit, die ich mit Kranwasser fülle. Wir fahren zusammen nach Berlin zu einer Palästina/Israel Anhörung. Ich habe jede Art von Autos gefahren, merke, wie ich jetzt Scheu davor bekommen habe, überhaupt noch Auto zu fahren. Anke spürt das und fährt allein.

Von ihnen kann ich etwas annehmen, muss keine devote Dankbarkeit zeigen.

 

Ich fahre zu einem Treffen der Rosa Luxemburg Stiftung nach Mainz. Thema ist Frauenpolitik. Das Treffen ist in einem Kulturzentrum außerhalb der Stadt. Wir reden unter anderem über die besondere Betroffenheit von Frauen in dieser Krise. Es ist Mittag, Mittagspause. „Wir gehen jetzt essen“, wird gesagt. Essen gehen? Es gibt ein Restaurant in diesem Zentrum. Ein Mittagessen kostet so viel, wie wir als Hartz IV Abhängige an drei Tagen für Essen und Trinken zur Verfügung haben: 3.60 € pro Tag. Würden wir also dreimal während dieser 2 Tage essen gehen, müssten wir anschließend 8 Tage lang hungern. Die, die verdienen, gehen essen. Die Hauptamtlichen, die Funktionärinnen, die Akademikerinnen, die, die noch Arbeit haben. Wir, die Erwerbslosen, die Studentinnen können uns das Essen nicht leisten. Es war nicht angekündigt, dass kein Essen bereitgestellt werden kann, dass es nur ein teures Restaurant gibt, Geschäfte zum Einkaufen gibt es nicht. Meine Wut wächst, schwillt an zum Zorn.


„Dabei wissen wir doch,
auch der Hass gegen die Niedrigkeit
verzerrt die Züge.
Auch der Zorn über das Unrecht
macht die Stimme heiser.“

Bertolt Brecht – An die Nachgeborenen

Wenn selbst diejenigen, die öffentlich verkünden, sie sehen die Probleme der Verarmung, nicht mal mehr mitbekommen, welche Risse sich da in ihrer unmittelbaren Umgebung auftun, auf wessen Solidarität können wir uns dann noch verlassen? Als die Frauen vom Essen zurückkommen, und wir wieder beginnen, ergreife ich das Mikrofon: Mein Vorschlag ist sarkastisch gemeint: Die Rosa Luxemburg Stiftung oder die Linkspartei könnten ja für ihre nächsten Treffen die örtliche Tafel beauftragen, für die Armen der politischen Treffen Essen bereit zu stellen.

Eine Kollegin, sie ist Europa Abgeordnete, sagt allen Ernstes: „Das ist aber ein guter Vorschlag!“ Mir bleibt die Spucke weg. Was verdient so eine Abgeordnete der Linkspartei im Europaparlament? Wie weit sind sie entfernt von uns? Was bedeutet das für das Ego, den Fahrdienst des Europaparlamentes oder des Bundestages zu benutzen, 1. Klasse zu fahren und zu fliegen, sich keine Gedanken über Telefonkosten, Miete, Gesundheitsversorgung, gesundes Essen, gute Stoffe, Kosten zur Erholung machen zu müssen?

Wie weit ist es von den Anpassungsprozessen an Form und Inhalt der Herrschenden, die die Grünen so beispielhaft vorgeführt haben, zu dem was Kurt Tucholsky in seinem großem Gedicht: „An einen Bonzen“ beschreibt?

„Du zuckst die Achseln beim Hennessy
und vertrittst die deutsche Sozialdemokratie.
Du hast mit der Welt deinen Frieden gemacht.
Hörst du nicht manchmal, in dunkler Nacht
Eine leise Stimme, die mahnend spricht:
Genosse, schämst du dich nicht?“

Was macht die hoch bezahlte Arbeit in den Institutionen, den Gewerkschaften, den Parlamenten mit den Menschen, die mal ein Gespür für Ausbeutung, Unterdrückung, Ungerechtigkeit hatten? Wie können sie in so kurzer Zeit so korrumpiert werden?

Die Linke hat immer große Ziele, gute Worte, wunderbare Visionen gehabt:

Würde, Solidarität, solidarische Ökonomie, Frieden, Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Kollektivität, Toleranz, Akzeptanz, Großzügigkeit. Das sind Worte, die die Vorstellung von einem erfüllten Leben für die Mehrheit der Menschen, des Planeten insgesamt beschreiben. Diese Begriffe sind mit Visionen von Fähigkeiten und Vorstellungen befriedigender Beziehungen der Menschen untereinander verbunden, mit Zusammenhängen, in denen wir uns aufgehoben fühlen und weiter entwickeln können.

Eben weil wir Ansprüche an Gesellschaftsveränderung haben, erwarten wir auch auf dem Weg dorthin im politischen Umfeld zumindest ein Bemühen, den Zielen entsprechende Formen des Umgangs miteinander zu entwickeln. Doch die Realität ist anders.

Politische Kultur ist nicht das, was abends mal gemacht wird, sondern sie beinhaltet auch, wie Menschen miteinander umgehen, die, aus der Kritik am bestehenden, eine andere Gesellschaft wollen. Wie oft aber stehen wir fassungslos da, wie viel Konkurrenz um Macht, um Posten, Gerangel um einen Platz in der Hierarchie, Missverständnisse, Neid, Hierarchien, Eitelkeiten wir gerade in diesen Zusammenhängen erleben. Der Ablauf unserer Treffen ist weit entfernt von den guten Visionen, die wir haben, die Diskrepanzen zu dem, worüber geredet wird und was real geschieht, scheinen unüberwindbar.


„Die Quelle von Feindseligkeit und Gewalt liegt in einer Kultur, die Leistung und Besitz über alles stellt und es Menschen kaum möglich macht, ein Selbst zu entwickeln, das auf Vertrauen und Mitgefühl beruht.“

Arno Gruen, Ich will eine Welt ohne Kriege, in: Tagebuch Konstantin Wecker, 5.10.2006

Unsere politischen Zusammenhänge sind entkörperlicht, wir sind quasi herzamputiert. Anstatt „barfuss zum kleinen Prinzen zu kommen“, landen wir in einer emotionalen Geröllwüste, aus der nahezu jede Schönheit verschwunden ist.

„Keiner der Genossen sieht sehr streichelbar aus!“ Anja Meulenbelt

„Wenn ich mit jemandem eine Sache anfasse, dann möchte ich verdammt noch mal wissen, ob ich den auch anfassen kann“, schreibt Peter Schneider in seiner Erzählung „Lenz“, einem brillanten Kultbuch der 68er.

Endlose Sitzungen, zu denen wir aus Pflichtgefühl gehen, bei denen wir das Ende der Diskussion herbeisehnen, weil die Abstraktionen des Umgangs kaum mehr auszuhalten sind. Wir erfahren voneinander nur einen kleinen Ausschnitt, der gerade für diesen Zweck gebraucht wird, ganz wie die Gesellschaft es vorgibt. Nur nicht zu nahe kommen. Stärke zeigen, sich unangreifbar machen. Zugegebene Schwächen könnten bei nächster Gelegenheit gegen uns verwandt werden.

„Die Politik darf nie die Poesie besiegen! Sie hat sich der Poesie unterzuordnen, soll von ihr lernen, von ihren Ver-rückt-heiten und ihrer Aufrichtigkeit. Wenn sie das nicht kann, sollten wir ihr auf die Sprünge helfen – mit Wahnsinn und Anarchie, Musik, Tanz und Gedichten.“ Konstantin Wecker, Tagebuch vom 30.6.2006


Wer hat die Definitionsmacht dessen, was „Leben“ ist?

Was wird uns als „Leben“ durch die Medien vorgeführt?

Neben den Filmen, in denen Gewalt als einziges Mittel zur Lösung von Konflikten zu sehen ist, wird in seichten Filmen das Leben der oberen Mittelschicht, ÄrztInnen, ProfessorInnen, Förster und ihrer schönen Frauen, TierforscherInnen, ausgewalzt. Der Aufwand, der um Tiere betrieben wird, ist in diesem Genre zig fach höher als der um Kinder, die arm sind. Das Leben in Villen, Forsthäusern, die Liebesdramen dieser klebrigen Mittelschicht, die sich so gut als Puffer zwischen oben und unten missbrauchen lässt, wird zum Modell erklärt.

Wir, die materiell Armen, werden schreiend, dumm, oder bedauernswert dargestellt. Manchmal auch heroisch, wenn wir so gut mit den 345 Euro auskommen und noch behaupten, das sei doch nicht zu wenig Geld, damit könne man gut auskommen.

So wie der Ex Bundeskanzler Helmut Schmidt das sagt. In seiner Jugend habe eine Facharbeiterfamilie weniger gehabt. Wir sollen endlich mit dem Jammern aufhören. Dieser Mann, dieser Technokrat und Militarist, hat, als er Kanzler war, gesagt: „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.“ So sieht unsere Politik heute aus.

Prekarität, Prekariat, neue Wörter erobern die politische Diskussion, die Berichterstattung, die Feuilletons. Sie werden von so genannten „Fachleuten“ gebraucht, die sich weit entfernt wähnen von der Lage der für die Kapitalverwertung überflüssigen Menschen. Das sind inzwischen in Deutschland an die 10 Millionen Menschen.

Wer versteht eigentlich, was mit Prekarität/Prekariat gemeint ist?“
Das Wortungetüm Prekarität/Prekariat hat das Ziel der Verwirrung, nicht der Aufklärung. Wir haben ja klare Worte:

  • Armut

  • Proletariat

  • Vernichtung erkämpfter sozialer Rechte

  • Globalisierung als veränderte Form des Kolonialismus

  • Gier der Herrschenden

  • Für die Kapitalverwertung überflüssige Menschen

  • Ausbeutung und Disziplinierung derer, die im Arbeitsprozess sind

Die sozialen Rechte, die wir hatten, die jetzt Stück für Stück vernichtet werden, waren keine Geschenke, sondern das Ergebnis der Kämpfe vieler Generationen mit unzähligen Opfern. Der Begriff soziale Gerechtigkeit ist ein Begriff der Französischen Revolution und der Arbeiterbewegung, die so sehr dafür gekämpft haben, die Misere sichtbar zu machen und zu verändern. Prekarität ist die Wegnahme erkämpfter sozialer Rechte, ein Ergebnis neoliberaler kapitalistischer Politik, die sich Frauen und Männer ohne Widerstand gefallen lassen sollen.

Mit anderen zusammen versuchen wir, Erwerbslose in NRW zusammen zu bringen, dass wir uns gemeinsam wehren können. Dieser Versuch ist nicht erfolgreich, der Zusammenhang bricht immer wieder auseinander. Jede® von uns, versucht so gut wie er oder sie kann, individuell Lösungen zu finden. Wir haben es noch nicht geschafft, uns wirklich zusammen zu tun. Das hat etwas mit der Entpolitisierung der Menschen zu tun.


Manchmal gibt es Lichtblicke.

Ich lese im Stern ein Interview mit einem Millionär und reibe mir verwundert die Augen. Götz Werner heißt dieser bemerkenswerte Mensch, Gründer der Drogeriekette DM. Er hat sich viele Gedanken über das bedingungslose Grundeinkommen gemacht. Durch seine Person wird diese Debatte öffentlich breit angestoßen.

Er kritisiert Hartz IV in wenigen Sätzen, die mehr aussagen, als viele lange Analysen.

„Und was ist denn Hartz IV? Hartz IV ist offener Strafvollzug. Es ist die Beraubung von Freiheitsrechten. Hartz IV quält die Menschen, zerstört ihre Kreativität. Wir brauchen ein Recht auf Einkommen. Ein Recht auf ein bedingungsloses Grundeinkommen.“ Götz W. Werner, Ein Grund für die Zukunft: Das Grundeinkommen, rückseitiges Deckblatt

Unterschiedliche Fachleute verschiedener Seiten rechnen alles durch und kommen zum Ergebnis, dass es machbar sei. Aber das wäre eine Gefahr für das System, wenn die Menschen, unabhängig vom Druck, über ihre Arbeit entscheiden, Arbeitszeit reduzieren könnten.

Dazwischen sitze ich, die Sammlerin. Ich sammle die Berichte über den Widerstand, versuche, nicht daran zu denken, dass ich Hartz IV abhängig bin. Spüre es jetzt im Winter natürlich umso mehr. Heizen nur in einem Zimmer, und auch nur dann, wenn ich längere Zeit dort bin. Sitze im Mantel, Wolldecke über die Beine, dicke Socken, Handschuhe, wie sie die Marktfrauen tragen, in denen die Finger frei sind und warme Schuhe, wenn ich schreibe. Bin ich unterwegs bei einem Treffen in durchgängig geheizten Räumen, ist mir das fremd. Wundere mich nicht, dass ich immer weniger schlafen kann, nachdem einer der Briefe, die viele hunderttausend Menschen erreicht haben, auch bei mir in den Briefkasten flattert: Ihre Wohnung ist zu teuer. Reduzieren Sie ihre Miete oder ziehen Sie aus. Die große Wohnung hat mit dem Friedensarchiv zu tun, das ich in vielen Jahren aufgebaut habe. Die Bedrohung durch die Enteignung des gelebten Lebens rückt näher.


Nachts, in der Schlaflosigkeit, unkontrolliertes Essen und mehr Fernsehkonsum als gut ist. Ich nehme drastisch an Gewicht zu. Bin viel zuhause. Bis jetzt der Fluchtpunkt, den ich bald nicht mehr haben soll. Fahre kaum noch Fahrrad wie früher. Habe ja hier genug zu tun. Ziehe die Vorhänge manchmal nicht auf, versinke in meiner Welt. Dort bin ich unendlich reich, innerlich, im Denken, mit Musik, Büchern, Kunst, mit Kochen, Schreiben und mit dem, was ich mir alles ausdenke, was zu tun ist, von dem ich auch eine ganze Menge umsetze.

Die Bestimmung, die meinen größten Zorn hervorgerufen hat, heißt: „Nicht mehr geschützt für Arbeitslose sind Gegenstände, die zur Befriedigung geistiger, wissenschaftlicher und künstlerischer Bedürfnisse dienen.“ (Bücher und Schallplatten z.B.)


„Draußen“ habe ich keine Lust, den FreundInnen zu sagen, dass ich mir Essengehen, Kino, Theater gehen nicht leisten kann. Bekomme auch im engen Umfeld immer mehr das Gefühl, nur unwillig geduldet zu sein als diejenige, die die materielle Armut repräsentiert.

Ich warte auf den Frühling. War froh, als der Frühling im letzten Jahr kam und doch kaum in der Lage, ihn zu genießen.


„Dass dieser Mai nie ende“ ….
Singt Konstantin Wecker.

Was für eine schöne Vorstellung, dieses Gefühl wieder mal zu haben.

Mein Portemonnaie wird gestohlen, alle Ausweispapiere. Lohnt es sich noch, einen neuen Personalausweis, einen Führerschein zu beantragen? Die kosten viel Geld. Wozu?
Symbolhaft: Ich verliere langsam meine Identität.

Nein, nicht dann, wenn ich unterwegs bin. Da bin ich die, die ich immer war. Gefragt als Rednerin, als Organisatorin, Fotografin. Fast immer für Gruppen, die kein oder kaum Geld haben. Dann fahre ich mit dem ICE durch die Gegend, das Fahrgeld wird erstattet. Für einen Kaffee im Zug reicht es nicht. Zuhause kann ich mir kaum eine Busfahrkarte leisten. Die Schizophrenie ist vorprogrammiert.

Ich schiebe den Gang zur Bank so lange wie möglich hinaus, will nicht wahrhaben, wie ich von Woche zu Woche, von Monat zu Monat verarme. Nein, in diesem Winter nicht wie sonst im Schlussverkauf einen guten Pullover, ein Paar Schuhe für das nächste Jahr kaufen. Ich werde immer geübter im Stopfen.

Die Zeitungen berichten über meine Misere. Ich bin durch die Stadt, in der ich lebe, für Friedensarbeit ausgezeichnet. Ein Leser stiftet eine Jahresabo für eine Zeitung, die ich brauche, wie die Luft zum atmen. Zwei Freunde geben für eine begrenzte Zeit einen Zuschuss zur Miete für das Archiv. Die Stadt gibt einen kleinen Beitrag für meine Arbeit in der Schule. Das sind kleine Aufschübe, keine wirklichen Lösungen.

Wer, ich? Ja, ich! Ich bin eine von denen.
Eine von uns. Eine von vielen Millionen.

Denkt nicht, dass es mir leicht gefallen ist, diesen Bericht zu schreiben. Doch ich erinnerte mich an den Titel eines der wichtigsten Bücher der neuen Frauenbewegung, geschrieben vor etwa 30 Jahren von der niederländischen Aktivistin Anja Meulenbelt:

„Die Scham ist vorbei!“
Wer, wenn nicht wir, die es betrifft, können über uns reden. Wir sind die Fachleute.

Ich habe gegeben, was ich konnte. Die, von denen ich die meiste Solidarität erwartet hatte, die politischen Gruppen und Menschen in diesem Umfeld, haben am meisten enttäuscht.


Nun soll ich endgültig aus der Wohnung ausziehen, all die Versuche, eine Lösung zu finden, um das subversive Wissen zu bewahren, waren bislang nicht erfolgreich. Was das ist, das subversive Wissen? „Widerstand ist das Geheimnis der Freude!“ Alice Walker

Wir haben gebeten uns zuzuhören, geflucht, gebrüllt, geheult, waren freundlich und aggressiv, sanft und zornig. „We are gentle, angry women!“ Haben wir bei den Weltfrauenkonferenzen gesungen. Uns begegnet Gleichgültigkeit, Zynismus, Achselzucken.

Wir laufen in Nebelwände. Doch Avalon ist nicht in Sicht.


Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Ich verstehe mich nicht in erster Linie als „Opfer“. Ich habe sehr klare Vorstellungen von dem, was ich will: Eine andere Welt, eine Welt, die frei ist von Ausbeutung und Krieg, von Gewalt und immer größerer Gier nach materiellem Reichtum. In der Kinder aufwachsen, die alle Entwicklungsmöglichkeiten und Freude haben. Dafür habe ich mich immer eingesetzt und werde das auch weiter tun.

„Kriege werden von Menschen gemacht. Frieden auch!“
Sagen wir in der Frauenfriedensbewegung.


„Die Revolution ist
Harmonie von
Form und Farbe
und alles existiert und bewegt sich nach einem
einzigen Gesetz = dem Leben =
Niemand steht abseits
von niemandem –
Niemand kämpft für
sich selbst.
Alles ist alles und eins
Der Kummer und
der Schmerz, die Lust
und der Tod
sind nur
ein Prozess
um zu existieren.
Der revolutionäre
Kampf
in diesem Prozess
ist eine offene
Tür für die
Intelligenz.“

Frida Kahlo, Gemaltes Tagebuch, München 1995, S. 243


Am 2. April 2007 soll in Berlin ein Hungerstreik von Betroffenen gegen die Vernichtung des Sozialen beginnen, von Erwerbslosen, allein erziehenden Müttern, Flüchtlingen, MigrantInnen.

„Ein Hungerstreik ist ein existenzieller Notschrei, der nur dann legitim und angemessen erscheint, wenn fast alle Artikulations- und Protestformen ausgelotet sind und nichts mehr bleibt, um die unzumutbare Not in einer Gesellschaft auszudrücken. …

Die Sturmzeichen asozialer Politik sind so, dass jetzt Betroffene einen Hungerstreik auf die politische Tagesordnung setzen wollen. Wir hören die erschreckenden Nachrichten über die sich epidemieartig ausbreitende Kinderarmut. In zwei Jahren hat sich die Anzahl der armen Kinder auf über 2 Millionen verdoppelt. Die Folgen sind noch gar nicht fassbar.

Das setzt eine besonnene Debatte voraus, die das extreme Mittel dieser gewaltfreien Demonstration zunächst sorgfältig prüft. Deshalb soll nach gründlicher Vorbereitung im April 2007 ein befristeter Hungerstreik von 30 Betroffenen in Berlin stattfinden, von dem wir uns wünschen, dass ein breiter Kreis von Erwerbslosenprotest- Initiativen, Obdachlosen-, Kinderschutz-, Bürgerrechtsorganisationen, attac und MigrantInnenorganisationen ihn tragen wird. Wir hoffen auf eine breite Solidarität. ….“

Aus dem Entwurf der Überlegungen zur Hungerstreikaktion, initiiert von P. Grottian.

Die Entscheidung, an einem Hungerstreik in diesem Sinne teilzunehmen, habe ich mir nicht leicht gemacht. Ich bin aus tiefster Überzeugung Pazifistin. Immer habe ich mich für das Leben eingesetzt. Ich weiß, dass ein Hungerstreik Gewalt bedeutet. Gewalt gegen den eigenen Körper.

Als die Zapatisten sich bewaffnet haben, obwohl ihnen jede Gewaltform widerlich ist, haben sie gesagt: Wir haben uns bewaffnet, damit sich bald niemand mehr bewaffnen muss.

Es ist uns ernst. Und bestimmt nicht, weil wir HeldInnen sein wollen. Da ist aber auch gar nichts vom Heldentum der Krieger, die ihren Körper im Krieg hingeben. Als ich vor vielen Jahren entdeckte, dass im englischen Wort für Heldin „heroine“ das Wort Heroin steckt, habe ich mich entschieden, in diesem Leben keine HeldInnen zu haben oder gar selber eine zu sein.

Der Hungerstreik soll ein Zeichen setzen. Er soll aufrütteln, die Bedrohung für so viele Menschen, die von der Vernichtung sozialer Rechte ausgeht, deutlich machen. Ob wir gehört werden, wissen wir nicht. Wir machen das nicht gerne, unseren Körper dem Widerstand in dieser Form zu geben.

Aber keine® von uns will und soll irgendwann alleine im Zimmer sitzen und sich die Pulsadern öffnen.

Darum werde ich beim Hungerstreik als symbolischer Aktion für das Leben mitmachen.

Die Hoffnung hat zwei schöne Töchter. Wut und Mut.
Wut darüber, wie die Verhältnisse sind. Und Mut, sie zu ändern.

Liebe und Frieden

Ellen Diederich

Oberhausen, den 15. Februar 2007

Internationales Frauen-Friedensarchiv Fasia Jansen e.V.
Lothringer Str. 64, 46045 Oberhausen, friedensa(at)aol.com - 0208/853607
Bankverbindung: SEB Oberhausen, BLZ: 36010111, Kto. Nr.: 1777057100

Dass dieser Mai nie ende
Von Konstantin Wecker

„Dass dieser Mai nie ende!
Ach Sonne wärm uns gründlich,
wir haben kaum noch Zeit,
die Welt verbittert stündlich!“

Dass dieser Mai nie ende
Und nie mehr dieses Blüh’n
Wir sollten uns mal wieder
Um uns bemüh’n.

Uns hat die liebe Erde
Doch so viel mitgegeben
Dass diese Welt nie ende
Nur dafür lasst uns leben.

Noch sind uns Vieh und Wälder
Erstaunlich gut gesinnt
Obwohl in unsern Flüssen
Schon ihr Verderben rinnt.

Auch hört man vor den Toren
Die Krieger schrei’n
Fällt uns denn außer Töten
Schon nichts mehr ein?

Uns hat die liebe Erde
Doch so viel mitgegeben
Dass diese Welt nie ende,
nur dafür lasst uns leben.

Wie schön der Lust zu frönen
Es treibt der Wein
Der Atem einer(s) Schönen
Hüllt mich ein.

Dass dieser Mai nie ende
Und Frau und Mann
Ein jedes wie es will
Gedeihen kann.“


Zitat von Roland Rottenfusser, www.Hinter den Schlagzeilen.de