Ist der Sojaanbau eine heimliche Kriegswaffe gegen die bäuerliche Landwirtschaft?

"Der Soja-Wahn – wie eine Bohne ins Zwielicht gerät" 
rezensiert von Elisabeth Meyer-Renschhausen


Norbert Suchanek  
München: Oekom Verlag, Reihe Quergedacht 2010, 109 Seiten, € 8,95

Redlich gemeinte "Alternativen" können zur Mode werden. Okkupiert von ruchlosen Geschäftemachern können sie schließlich sogar negative Auswirkungen haben. Das Sojagericht der Vegetarier ist im Begriff seine Unschuld zu verlieren. Sowohl in Argentinien als auch in Brasilien und zunehmend auch den Nachbarländern wie Bolivien werden dem Sojaanbau immer größere Gebiete geopfert. Die darauf bisher ansässigen Indianer und Kleinbauern werden vertrieben. Sogar die Viehzucht wird vertrieben und wandert in das Amazonasgebiet ab. Und seit der Jahrtausendwende, genauer seit 2003, werden dem Anbau der chinesischen Bohnenpflanze – trotz gegenteiliger Versprechen vorher – immer größere Flächen sogar im innersten Amazonasgebiet selbst geopfert…

In Nordamerika und nun auch in Europa hingegen wächst die Begeisterung für Soja. Soja gilt als gesund. Immer mehr Menschen ersetzen Fleischnahrung durch Tofu-Gerichte. Die Zunahme von Lebensmittelallergien läßt die Menschen von Kuhmilch auf Sojamilch umsteigen. Und die entsprechende Industrie setzt alles daran, daß dieser Trend sich fortsetzt. Die Zeitungen und Zeitschriften übernehmen unkritisch die "wissenschaftlichen" Publikationen der Soja-Industrie. In Nordamerika wuchs der Umsatz von Soja-Produkten von 300 Millionen Dollar im Jahr 1992 auf einen von 4 Milliarden 2008. Auch bei uns boomt besonders der Verkauf von Sojamilch, mit Zuwachsraten in den letzten Jahren von um die 30% alljährlich.

Aber nicht alle vertragen Sojaprodukte. Besonders Menschen mit allergischer Veranlagung reagieren oft auch auf die Sojabohne empfindlich. Der Deutsche Allergie- und Asthmabund schätzt, daß jeder Dritte betroffen ist, darunter besonders Kinder. Prophylaktische Sojamilchdiät bei Kleinkindern ist daher nicht angebracht. Besonders gefährlich sind die versteckten Sojabestandteile in Fertiglebensmitteln. In Schweden wurde Soja als das Allergie auslösende Nahrungsmittel Nr. 2 ausgemacht. Bei Menschen, die bereits an anderen Allergien leiden, kann in Fertiglebensmitteln verdeckt vorhandenes Soja Todesfolgen haben. In Schweden starben Kleinkinder nach Genuss von Fastfood an einem Allergie Schock.

Frauen mit Wechseljahresproblemen werden die Isoflavone des Soja als "Phytoöstrogene" empfohlen. Die Forscher der Sojaindustrie behaupten, Soja könnte sogar Krebs verhindern. Andere Studien wie die der Endokrinologie an der Universität Göttingen zeigen jedoch das Gegenteil. Das Bundesamt für Risikobewertung (BfR) bewertete die Einnahme von Isoflavonen 2007 als bedenklich. Ähnlich das Karlsruher Institut für Lebensmittelchemie und Toxikologie. Säuglingen soll Sojamilch möglichst nicht verabreicht werden, da sie u.a. die Fortpflanzung beeinträchtigen. Tofu senkt den Testosteronspiegel, weshalb er in buddhistischen Klöstern auf den Tisch kommt, um den Mönchen den Verzicht zu erleichtern. Bei Mädchen können die pflanzlichen Östrogene im Soja zum vorzeitigen Einsetzen der Pubertät führen. 

Vor allem die Verteuflung von tierischen Fette und später sogar der Kokosfette seit den 1950er Jahren förderten das Interesse an Soja als Ersatz. Die kritiklose Übernahme der Märchen von der schlechten Verdaulichkeit tierischer Fette (Stichwort: gesättigte Fettsäuren) und seiner angeblichen Folgen – Cholesterin führe zu Arterienverkalkung und Herzinfarkten –  zog sich bis hinein in die Veröffentlichungen von Greenpeace. Die Menschen machen sich nicht mehr klar, daß Cholesterin ein Bestandteil des Menschen ist und unser Gehirn zu 20% als Cholesterin besteht. Heute weiß man wieder: Die gesättigten Fettsäuren von Schmalz und Butter sind in jedem Falle besser verdaulich als die künstlich hergestellten Transfette in den meisten Margarinen. Um aus dem Sojaöl ein bei Zimmertemperatur streichfähiges butterähnliches Fett machen zu können, muß man nämlich das Öl härten: Die Mehrfachverbindungen der Fettsäuren werden aufgebrochen und mit Wasserstoff hydriert. Diese Transfette greifen jedoch in den Cholesterinstoffwechsel des Menschen negativ ein und führen zu vermehrter Arteriosklerose. Sie finden sich bei uns etwa besonders in den Backwaren, die mit Industrie-Margarine hergestellt werden. Dänemark hat daraufhin bereits 2004 den Anteil von künstlichen Transfetten auf 2% eines Lebensmittels beschränkt. Dass tierisches Fett nicht automatisch schlecht ist, zeigt die menschliche Muttermilch, die zu 40 bis 50 Prozent aus gesättigten Fettsäuren besteht.

Erst ab Ende der 1920er Jahre wurde Sojaöl, das damals noch aus der Mandschurei kam, zur Fetthärtung eingesetzt. Zum Durchbruch kam die Sojaproduktion in den USA während des II. Weltkrieges. Man brauchte Soja auch für die Sprengstoffproduktion. Nach dem Krieg setzte die Sojaindustrie alles daran, daß die negativen Effekte der Transfette nicht bekannt wurden und setzten die entsprechenden Forscher und Ärztevereinigungen unter Druck.

1935 gelang es dem amerikanischen Forscher James Hayward, die giftigen Bestandteile im Soja durch Erhitzung auszuschalten. Dieses so "getoastete" Sojamehl wurde nun erst in der Tierfütterung einsetzbar. Seither werden die Tiere erst in den USA und später weltweit in Ställe eingepfercht und entgegen ihrer Gewohnheiten mit einer Mais-Soja-Diät zwangsernährt. Im Gras sind jedoch viel mehr jener Omega-3-Fettsäuren, die sowohl die Kuh als auch den Menschen besser ernähren, als die Omega-6-Fettsäuren, die das Soja erhält. Milch von weidenden, Gras fressenden Kühen ist daher völlig anders zusammengesetzt als die von Milch von Tieren aus der Massentierhaltung. Milch und Fleisch von weidenden Tieren haben die für die Menschen ideale Zusammensetzung von Omega-3 zu Omega-6 Zusammensetzung. Das Fleisch von Tieren aus Massenhaltung führt zu einer bedenklichen Omega-6-Konzentration im Menschen.

Völlig verrückt, daß man nun dazu übergegangen ist, Sojamehl auch noch in der Krabben- und Lachszucht einzusetzen. Fische galten bisher als gesund, gerade weil sie reich an Omega-3-Fetten waren. Aber das galt nur, solange sie nicht in Gefangenschaft mit Sojamehl ernährt werden. Die Gentechnik hofft jedoch dem falschen Verhältnis von Omega-6 zu Omega-3 Fettsäuren zu Leibe rücken zu können.

Daß die Asiaten so viel Soja äßen gehört in den Bereich des Mythos. Traditionell ist der Umgang mit Soja in China und Japan eher sehr maßvoll. Es wird hauptsächlich verwandt, um Sojasaucen herzustellen. Tofu hat in Japan eine eher kurze Tradition von kaum 400 Jahren und zwar eher als Beilage, denn als Hauptgericht. Als Bodenverbesserer kam die Pflanze in China nachweisbar ab der Zhou-Dynastie vor etwa 900 Jahren zum Einsatz. Soja kann – wie  andere Leguminosen (Erbsen, Bohnen, Akazien) auch – Stickstoff aus der Luft aufnehmen und im Boden speichern.

Zum Massenanbau von Soja kam es erst, als die USA Soja im Krieg für die Dynamitherstellung brauchten. 1942 begann das US-Landwirtschaftsministerium mit der Kampagne: "Sojaöl und Krieg: Pflanzt mehr Sojabohnen für den Sieg!" Heute importiert China gentechnisch verändertes Soja aus den USA, um den wachsenden Fleischbedarf zu befriedigen. Das eigene gentechnisch unbelastete Soja exportiert es nach Europa. 

In Südamerika hingegen wird ein heimlicher Krieg geführt. Dort werden immer weitere Kleinbauern- und Indianerpopulationen aus ihren angestammten Territorien vertrieben, um dem ständig wachsenden Sojaanbau Platz zu machen. Verbliebene Kleinbauern werden von Flugzeugen aus rücksichtslos mit Agrargiften eingenebelt, die der Sojaanbau erfordert. Die Indigenen bekommen Brechdurchfall, Allergien und Krebs. Ihr Wasser und ihre Flüsse sind vergiftet, es wächst kein Kraut und kein Unkraut mehr. Sämtliche Zuflüsse des Indianerreservats am Xingu werden regelmäßig mit Herbiziden vergiftet. Die artenreichen atlantischen Regenwälder Südbrasiliens wurden komplett geopfert. Jetzt treibt der Sojaanbau die Rinderfarmer und die Brandrodungsfarmer vor sich her in das Amazonasgebiet. Vom Amazonaswald im Mato Grosso sind bereits 40% zerstört. Der Klimaforscher Philip Fearnside aus Manaus meint daher: "Sojabohnen sind viel schädlicher als alle anderen Ackerfrüchte, weil sie massive Transportinfrastrukturprojekte rechtfertigen, die zu einer Kettenreaktion mit der Folge großflächiger Zerstörungen natürlicher Habitate führen, zusätzlich zu den für den Sojaanbau benötigten Flächen." (S.75) Seit 2003 hat der Sojaanbau das Kerngebiet Amazoniens erreicht. Seit Ende 2009 plant die brasilianische Agrarforschung nun auch im portugiesisch-sprachigen Afrika Soja anbauen zu wollen.

Eine der Hauptfolgen des Soja-Anbaus in den USA ist die gewollte und gezielte Zerstörung der bäuerlichen Landwirtschaft. Seid 1945 verschwanden 90% der Arbeitsplätze in der Landwirtschaft. Der Sojaanbau, der heute 22% der Fläche der USA einnimmt, ermöglicht eine reine Maschinenwirtschaft. Gewinner des Sojabooms sind ausschließlich einige wenige Firmen wie Cargill und ADM. Seit 1996 auch Monsanto – seitdem gentechnisch verändertes Soja in den USA zugelassen ist.

Auch in Argentinien (seit 1998) und in Brasilien (seit 2003) wird heute überwiegend gentechnisch manipuliertes Soja angebaut. Die Sojafarmer kaufen Roundup-Ready-Saatgut, was die Saatgutfirma mit den Giften liefert, die gegen die Unkräuter eingesetzt werden. Die GMO-Pflanze ist gegen diese Agrargifte immunisiert. Für die gentechnisch veränderte Saat spräche, behaupten die Hersteller, dass sie den Einsatz von weniger Pestiziden erforderlich mache, insofern umweltfreundlicher sei. Tatsächlich dauert der Effekt kaum einige Jahre und heute werden bereits die höchstgiftigen Entlaubungsmittel "Agent Orange" (Herbizid 2,4-D) wieder eingesetzt, gegen die neuen "Superunkräuter" nämlich, die Folge von zuviel Agrargiften sind. In England erbrachte eine Studie 2003, daß an den Ackerrändern von GMO-Pflanzen um die 50% weniger Blütenpflanzen und Samen zu finden sind. Schmetterlinge verschwinden.

Wie bereits früher (besonders ab 1954) die Entwicklungshilfe benutzt wurde, um "Märkte" zu öffnen, setzen die Gen-Soja-Firmen alles daran, bei Hilfseinsätzen wie in Haiti dabei zu sein. Der World Wide Fund for Nature (WWF) gründete einen Runden Tisch für verantwortliches Soja, an dem die Gen-Sojafirmen ADM, Amaggi, Cargill, Loius Dreyfus, Monsanto und Unilever alle teilnehmen, während die Vertreter der (Klein-)bäuerlichen Landwirtschaft unterpräsentiert sind und nicht ernst genommen werden. Entsprechend bekommt Gentech-Soja von diesem Runden Tische eine Art "Umwelt"-Siegel, dürfen Felder weiterhin per Flugzeug mit Gift besprüht werden und wird das millionenfachbegangene Unrecht an Kleinbauern nicht debattiert, geschweige denn irgendwie wieder "gutgemacht". Stattdessen wird die Expansion des Sojaanbaus für verantwortbar erklärt. Via Rundem Tisch und Agrardiesel bemühen sich die Multis, deren Wachstum ohne "Forschungsförderungen" seitens der Regierungen nie möglich gewesen wäre, um Gelder aus den internationalen Klimaschutzprogrammen. Aber die Output-Flächen-Bilanz ist bei "Biodiesel" extrem schlecht. "Biodiesel aus Sojabohnen verschlingt 27% mehr fossile Energie als der Agrotreibstoff selbst liefert."

Kurzum: Soja ist eher ein Art Kriegswaffe gegen die bäuerliche Landwirtschaft und auf Kosten der Menschen als Esser. Eingeführt wurde der Gen-Anbau en Gros während des II. Weltkrieges in den USA. Mittels staatlicher Forschungs- und Förderprogramme wurde die Landwirtschaft von einer bäuerlichen auf eine industrielle umgestellt. Seit etwa 30 Jahren geht dieser Prozeß in Südamerika weiter und schuf dort eine mörderische Flächenkonzentration in den Händen weniger Großgrundbesitzer. So erzeugt der Sojaanbau wahrscheinlich mehr Hunger und arme Slumbewohner als irgendeine andere Anbaufrucht.

Der Untertitel ist unglücklich formuliert: "Wie eine Pflanzen Zwietracht und Zerstörung säht " - wäre vielleicht besser formuliert. Der Autor, ein Umweltjournalist, lebt in Rio de Janeiro und hat sich seit Jahren mit der zerstörerischern Wirkung des Sojaanbaus befaßt. Was dem informativen Buch fehlt, ist ein Überblick über die weltweit engagierten Gegner der Gentechnik, des "Biodiesels" und des Sojaanbaus auf Kosten von Regenwald und Kleinbauern. Die Forschungsberichte aus den USA zur Propaganda, Soja zu verzehren, hätte ich gerne ausführlicher mit Belegen (Fußnoten) gelesen. Und die Literaturliste ist mir schlicht zu kurz. Verlage sollten nicht ständig an den falschen Stellen sparen. Ansonsten ist dem Verlag zu der kleinen handlichen Reihe und dem Autoren zum Büchlein zweifelsohne zu gratulieren.        

Elisabeth Meyer-Renschhausen, für WLOE e.V., August 2011
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